Mick Blamires lief leise durch den Herbstwald und atmete den Duft der Wälder ein. Einen Arm hatte er bequem um seine kräftige Armbrust geschlungen. Die Hirschjagd gehörte seit langem zu seinen Leidenschaften, dank seines Vaters und seiner älteren Schwester. Soweit es Mick betraf war der Sinn einer Jagd jedoch nicht, tatsächlich einen Hirsch umzulegen, sondern vielmehr eine Ausrede zu haben, um ein paar Tage im Wald zu verbringen. Er hielt inne und atmete tief die kühle Luft ein; den süßen Duft von Ahornblättern in den Farben des Herbstes. Er verspürte einen Anflug von Einsamkeit, als er an seinen Vater und an seine Schwester dachte. Er wünschte sich, sie wären immer noch bei ihm. Aber sie waren vor drei Jahren gestorben; umgekommen, als ihr Auto von einem Betrunkenen von der eisigen Straße gedrängt wurde. Seine Mutter war zwölf Jahre zuvor an einem Herzleiden gestorben.
Er war alleine auf der Welt, aber irgendwie fühlte er sich nicht einsam, wenn er draußen inmitten den Bäumen war. Er hatte das Gefühl, er könne ihre Geister spüren, die neben ihm her liefen. Manchmal glaubte er sogar, er könne seine Schwester lachen hören, wenn ihr Vater mit seiner mittelalterlichen Waffe wieder einmal daneben schoss. Sein Vater war ein schrecklicher Bogenschütze, aber das hielt ihn nie davon ab es zu versuchen. Die Wälder waren ein wichtiger und glücklicher Teil seiner Kindheit gewesen und jetzt, als Erwachsener, gaben ihm immer noch Seelenfrieden. Er atmete noch einmal tief ein und schloss seine Augen, um den herbstlichen Wald zu genießen.
„Hier könnte ich leben“, sagte er leise.
Er hörte einen Fluch hinter sich und seufzte. Er drehte sich um und sah den Mann an, der ihn begleitete. Sein Arbeitskollege Thomas Richards rutschte eine kleine Erhöhung hinab. Sein Jagdgewehr hielt er in einem gefährlichen Winkel. Der Narr würde sich noch seinen eigenen Kopf wegpusten.
„Vorsicht, Tommy! Tu nichts, dass ich dem Notarzt nicht erklären will!“
Thomas fluchte. „Ich komm klar!“ blaffte er und stand auf.
Mick beobachtete, wie Thomas aufstand und sich den Schmutz des Waldes abklopfte. Er schüttelte seinen Kopf und seufzte. Dann bemerkte er ein braunes Kaninchen, das ihn ruhig beobachtete. Er zwinkerte dem Tier zu.
„Einen wunderschönen Guten Tag, Herr Hase. Es wird dich sehr freuen zu hören, dass sich heute nur die Hirsche Sorgen machen müssen.“
Das Kaninchen beobachtete, wie er seine Armbrust absetzte und seine kleine Tasche abnahm. Er legte sie auf den Waldboden und öffnete sie, bevor er einen blauen Keramikteller herausnahm. Der Teller war eindeutig sehr alt und mit einem Muster keltischen Ursprungs aus rennenden Hirschen verziert. Er stellte ihn auf einen Baumstumpf, dann griff er wieder in seine Tasche und nahm ein wenig handgeschlagener Butter heraus. Als Nächstes stellte er eine Flasche mit Sahne neben die Butter. Er warf einen erneuten Blick auf den Hasen, dann nahm er ein Stück Apfel aus seiner Tasche und warf es vorsichtig dem pelzigen, braunen Tier zu. Er richtete sich auf und hörte, wie Thomas neben ihm stehen blieb.
„Wofür ist das denn?“ fragte Thomas.
„Für das Gute Volk“, sagte Mick.
Thomas Tonfall war fragend. „Das Gute Volk?“
Mick packte seine Tasche wieder ein und ließ die Sahne und die Butter auf dem Teller zurück. „Du würdest sie, glaube ich, Elfen nennen. Aber nenn sie niemals Feen, das hassen sie.“
Thomas starrte den Mann, mit dem er seit acht Jahren zusammenarbeitete, mit einem Ausdruck vollkommenen Unglaubens an. „Du verarschst mich.“
„Nein, tu ich nicht.“
„Seit wann glaubst du an diesen Hokuspokus-Neuzeitquatsch?“
Mick seufzte schwer. „Thomas, meine Mutter war stolze Irin und sie hat mir viel über die Bräuche des Guten Volkes und des Geisterreichs beigebracht. Und nur weil ich in Kanada bin, sehe ich keinen Grund dazu ihnen keinen Respekt zu zeigen und ihnen eine traditionelle Gabe zu verwehren.“
„Außer einem Fuchs wird das niemand essen.“
Mick zuckte mit den Schultern. „Und wenn schon.“
„Und so etwas wie Elfen gibt es nicht.“
„Wenn du das gerne glauben willst.“
Thomas schnaubte und Mick schüttelte nur seinen Kopf. Thomas war sehr in dem verwurzelt, was er gerne Realität nannte. Das machte ihn zu einem guten Geschäftsmann und einer wirklichen Nervensäge. Aber Mick war kein Mann, der verurteilte. Außerdem konnte er den alten Miesepeter ziemlich gut leiden. Er warf einen Blick auf den Mann neben sich. Thomas war dünn, bekam langsam eine Glatze, sah ständig gestresst aus und hatte einen Blutdruck, von dem sein Arzt selbst Herzrasen bekam. Er war im Grunde eine gute Seele, aber er war ohne jeglichen Sinn für Humor geboren worden und hatte keine Ahnung davon, wie man sich entspannte. Also hatte ihn Mick auf die Jagd eingeladen und zu seiner vollkommenen Überraschung hatte Thomas die Einladung angenommen.
„Ich kann nicht glauben, dass dir das Spaß macht“, meckerte Thomas.
„Ich kann nicht glauben, dass ich es für eine gute Idee gehalten habe dich einzuladen.“
„Also sind wir quitt.“ Thomas blieb stehen und atmete tief durch. “Mick, ich muss mit dir reden.”
Mick war lange genug mit Thomas befreundet, um seinen Tonfall zu erkennen. Er nickte und die zwei setzten sich auf den Boden. Thomas zündete sich eine Zigarette an, was Mick ignorierte. Das braune Kaninchen knabberte an seinem Apfelstück und beobachtete die Männer.
„Was ist los, Tommy?“
Thomas funkelte Mick an, als er sein Streichholz schüttelte und das jetzt kalte Holzstäbchen in seine Tasche steckte. Er mochte es nicht Tommy genannt zu werden, und das von einem dreißig Jahre alten Mann, der wie ein zwanzigjähriges Kind aussah und dessen lange, schwere Mähne aus rotem Haar geradezu um einen Haarschnitt bettelte.
„Es ist Cinnamon.“
„Oh, was ist mit Cinnamon?“ sagte Mick entnervt. An manchen Tagen schien es, als würden Thomas und Cinnamon nichts anderes machen als auf einander rumzuhacken.
Mick war Cinnamon vor einem Jahr begegnet und es war Liebe auf den ersten Blick gewesen, oder zumindest Lust. Sie hatte langes, kastanienbraunes Haar und volle Brüste, die sich gierig gegen den dünnen Stoff ihrer Spitzenbluse drückten. Er war sich ziemlich sicher, dass sie nicht in der Hoffnung auf eine Bibellesung an dieser Straßenecke stand, aber sie schien sich wirklich über seine Gesellschaft zu freuen. Sie war obdachlos und lebte hinter einem Müllcontainer und Mick konnte sie nicht einfach ihrem Schicksal überlassen. Sicherlich hatte ihr fester, kleiner Hintern, der gegen die Enge ihres kurzen Lederrocks ankämpfte, etwas damit zu tun, aber Mick war naturgemäß ein Mann, der Leute nicht ihrem Elend überlassen konnte. Mit der Zeit hatte er sich mit ihr angefreundet, sie zu einem Arzt gebracht, dafür bezahlt, dass sie sich ihre Zähne richten lassen konnte, nachdem ein Freier versucht hatte sie ihr auszuschlagen, und ihr schließlich einen Job in einem seiner Läden gegeben. Er verkaufte Camping-, Jagd- und Angelausrüstung, wovon sie überhaupt nichts verstand. Trotzdem war sie irgendwie die beste Verkäuferin, die er hatte.
‘Das liegt eindeutig an ihrem Enthusiasmus für Outdoorsportarten‘, dachte Mick trocken.
Sie war vor sechs Monaten bei ihm eingezogen und seitdem hatten sie übers Heiraten und über eine Familie gesprochen. Er kaufte ihr einen kleinen, roten Sportwagen, einen dreikarätigen Diamantring zur Verlobung, und heuerte einen Bauunternehmer an, um Räume für die Familie anzubauen, die folgen würde. Sie hatte für ihn als Verlobungsring ein riesiges Band aus Platin und Diamanten gekauft, das er jetzt trug. Es war nicht wichtig, dass sie dafür sein Geld benutzt hatte; er freute sich nur darüber, dass sie an ihn gedacht hatte.
Das Leben war perfekt und schön. Bis auf ein winziges Detail. Thomas und Cinnamon konnten sich nicht ausstehen und schienen es niemals Leid zu werden, sich gegenseitig an die Kehle zu gehen.
Dieses Mal sagte Thomas jedoch nichts in dieser Richtung. Er griff in seinen eigenen Rucksack und zog ein Buch heraus, das Mick als ihr Kontobuch erkannte. Thomas misstraute Computern zutiefst.
„Du hast das Ding mit auf die Jagd genommen?“ fragte Mick ungläubig.
Thomas warf das Buch in Micks Schoß. „Deine kleine Schlampe ist eine Diebin.“
„Blödsinn“, sagte Mick. „Sie ist nicht schlau genug. Und ich sage das mit Liebe.“
„Uh huh.“
Mick öffnete das Buch und begann durch die Seiten zu blättern. Langsam las er Seite um Seite und bemerkte, dass Zahlen ausradiert und ein anderer Betrag neu eingetragen worden war, in einer schlechten Imitation von Thomas Lehrerhandschrift.
„Das hübsche Kind war an deinem Bonbonglas“, sagte Thomas trocken.
„Seit wann weißt du es?“
„Seit ein paar Monaten, aber ich weiß, was du für Cinnamon fühlst. Nicht, dass ich das gut fände, aber ich mische mich nicht ohne Grund in Beziehungen ein.“
Mick schüttelte seinen Kopf und spürte, wie sich ihm der Magen umdrehte, als sein Herz brach und seine Augen zu brennen begannen. Seite um Seite blätterte er weiter – hundert Dollar hier, zweihundert Dollar da. Eine leichte Änderung der Zahlen, ein klein wenig aus der Kasse, und tausende um tausende von Dollar wurden abgezweigt. Schließlich schlug er das Buch zu.
„Verdammt! Wie konnte sie mit das antun, nach allem, was ich für sie getan habe! Sie hat hinter einem Müllcontainer gelebt, verdammt noch mal! Ich habe sie aufgenommen, ihr einen Job gegeben, ein Zuhause, meine LIEBE! Und SO dankt sie mir das?!“
Thomas sah unbehaglich aus. „Es tut mir Leid“, sagte er.
“Mir auch”, sagte Mick. Er presste seine Hände gegen seine Augen und biss seine Zähne zusammen, als er spürte, wie sein Herz in tausend Stücke zerbrach. Sein Leben, sein ganzes Leben, und all seine Träume waren gerade zerstört worden. Er spürte, wie er zu zittern begann, und er keuchte, während er gegen den Drang ankämpfte wie ein gequältes Tier zu schreien. Wut begann unter den Schmerz zu kriechen und er hieß sie willkommen. Er senkte seine Hände und entdeckte zu seiner Verwunderung, dass das wilde Kaninchen jetzt in seinem Schoß saß. Er strich vorsichtig über sein weiches Fell und spielte sanft mit den langen, samtigen Ohren. Dann sah er Thomas an.
„Hast du deshalb gesagt, du würdest mit mir auf die Jagd gehen? Um mir das zu zeigen?“
Thomas zuckte mit den Schultern. „Oh, deshalb und aus einem anderen Grund.“
„Und der wäre?“
Zu seiner Rechten hörte er den deutlichen Laut eines Gewehrs, das entsichert wurde, und Mick erstarrte. Er wandte langsam seinen Kopf und sah seine wunderschöne Geliebte der letzten sechs Monate. Cinnamon war in Jeans und Leder gekleidet; kaum eine angemessene Kleidung für die Wälder, aber die Art, wie das blaue Material an ihren Beinen klebte, ließ Mick sich wünschen, er wäre eine Innennaht. Thomas lehnte sich mit einem selbstgefälligen Grinsen auf seinem Gesicht zurück, während Cinnamon Mick mit Augen anstarrte, in denen nicht die geringste Emotion zu sehen war.
„Ich fürchte, ich habe auch deinen Partner gefickt, Liebling“, sagte Cinnamon.
Der Knall ließ das wilde Kaninchen um sein Leben rennen. Mick fiel hart auf den Boden, während Blut aus dem Loch in seiner Brust lief. Die Welt wurde dunkel und still. Als Thomas und Cinnamon gingen, schwebten sanft ein paar Blätter hinab, als wollten sie ihre Sorge und Trauer um den tödlich verwundeten Mann ausdrücken. Mit seinem letztem Gedanken hoffte Mick, dass sie nicht den blauen Teller seiner Mutter zerschlagen hatten.
***---***
‚Bin ich wach? ‘
Mick glaubte Holzrauch zu riechen, aber er konnte sich nicht sicher sein. Er schien sich daran zu erinnern, dass Kopfverletzungen alle Arten von seltsamen Nebenwirkungen haben konnten. Aber nein, der Schuss hatte ihn in die Brust getroffen; seinem Kopf ging es gut.
‚Krankenhaus‘, dachte er. ‚Ich muss in ein Krankenhaus, Hilfe finden. Wie komme ich aus dem Wald raus?’
Mick versuchte seinen verwundeten Körper mit einer Hand vom Boden hochzustemmen. Die Blätter schienen mit einer glatten, nachgiebigen Oberfläche ersetzt worden zu sein, die angenehm unter seiner Hand nachgab. Er öffnete seine Augen und stellte fest, dass er in einem Bett lag. Die Oberfläche war eine Matratze, die mit einem Laken aus grober, gewobener Baumwolle bezogen war.
Er sah sich in dem Raum um und betrachtete die Wände aus duftendem Zedernholz und den Steinboden. An einer Wand befand sich ein aus Feldsteinen gemachter Kamin, in dem ein kleines Feuer brannte. Über dem Feuer hing ein eiserner Kessel. Sein Inhalt dampfte und füllte den Raum mit dem Geruch nach Tee. Vor dem Kamin lag ein Teppich aus Hirschhaut. In der Ecke zur Linken des Kamins stand ein rustikaler Stuhl aus Holz und Weide, und auf ihm saß ein Mann.
Er war groß und schlank; sein aristokratisches Gesicht dünn, mit hohen, spitzen Wangenknochen. Seine Haut war weiß und vollkommen makellos, die Nase lang und gerade. Seine Lippen waren unnatürlich rot und das lange, schwarze Haar hing glatt und bis unter seine schmalen Schultern herab. Seine langen, eleganten Hände hatte er in seinem Schoß gefaltet und er trug eine schwarze Robe, die so auf dem Boden um seine Füße lag, dass sie beinahe wie der Stamm eines Baums aussah, als würde das Gewand ihm irgendwie eine Verbindung zu der Erde unter ihm geben. Die Augen waren ebenfalls schwarz und bodenlos, wie Spiegel in ein anderes Universum. Sie blinzelten nicht, sondern beobachteten Mick mit einem kalten, würdevollen Ausdruck. Jeder Millimeter dieses Mannes strahlte Macht und Würde aus; unermessliche Stärke, die in seiner ruhigen Haltung verborgen war. Und Mick wusste, auf dieselbe Art wie er wusste, dass die Sonne aufgehen würde und dass der Himmel blau war, dass dies kein Mensch war.
Das hier war ein Elf.
Nicht die fröhlichen Gehilfen vom Nikolaus aus Kindermärchen, nicht die goldenen und weisen Kreaturen in Tolkiens berühmten Erzählungen, sondern eine Kreatur großen Alters und großer Macht. Dies war das Wesen, über das sich die Iren in ihren Pubs flüsternd Geschichten erzählten und dem sie unter keinen Umständen begegnen wollten. Dies war ein wildes Ding launischen Wesens, eines, das entweder freundlich und hilfreich oder sehr, sehr gefährlich sein konnte. Mick versuchte verzweifelt sich an alles zu erinnern, was ihm seine Mutter über Elfern erzählt hatte; in diesen seit langem vergangenen Nächten, in denen er immer auf ihrem Knie gesessen hatte. Sein Vater hatte nicht an sie geglaubt, aber es gefiel ihm, dass seine Frau ihre Mythen und ihr Erbe an ihre Kinder weitergab. Tatsächlich genoss ihr Vater die Geschichten selbst. Aber seine Mutter war seit fünfzehn Jahren tot und sein Wissen über das Gute Volk war dünn geworden.
Er schluckte nervös, entschlossen dieser Kreatur alle Gefälligkeiten zu erweisen, die sich gebührten. Er öffnete seinen Mund, um zu sprechen, aber der Elf beachtete ihn nicht länger. Mit stummer Eleganz stand er auf. Mick schätzte seine Größe auf ungefähr sieben Fuß und obwohl er es verhindern wollte, wanderten seine Augen den langen, geschwungenen Rücken des Wesens hinab und bewunderten das schwarze, seidene Haar. Dann schüttelte er seinen Kopf; überrascht darüber, dass er einen anderen Mann so ansah.
Der Elf goss jedem von ihnen eine Tasse Tee ein, dann wandte er sich um und setzte sich auf die Bettkante. Er bot Mick eine Tasse an und Mick nahm sie mit gesenktem Kopf.
„Danke“, sagte er leise und trank einen kleinen Schluck, während er sich daran erinnerte, dass man die Nahrung des Guten Volkes weder essen noch trinken sollte. ‚Vergiss es‘, dachte er. ‚Die Chancen stehen gut, dass ich sowieso tot bin. ‘ Er räusperte sich. „Danke für Eure Hilfe.“
Der Elf beobachtete ihn kühl. Wahrscheinlich versuchte immer noch sich eine Meinung über den bloßen Sterblichen vor sich zu bilden. Mick drängte ihn nicht. Elf und Mann tranken stumm ihren Tee. Als sie ihre Tassen bis auf den letzten Tropfen geleert hatten, bemerkte er zufällig seine Kleider, die säuberlich gefaltet auf einer Truhe neben dem Bett lagen. Er war sich ziemlich sicher, dass weder die Truhe noch seine Sachen einen Moment zuvor da gewesen waren. Auf den Kleidern lag der atemberaubend schönste Bogen, den er jemals gesehen hatte. Er war aus Eibenholz gemacht und mit rennenden Hirschen und keltischen Knoten geschmückt, die sich ständig wiederholten. Er wagte es nicht, sich darüber Gedanken zu machen, womit er bespannt war, aber es sah nicht aus wie irgendein Material, das er kannte.
„Was für ein schöner Bogen“, sagte er. „Gehört er Euch?“
Als der Elf sprach, schwang in seiner Stimme einen Hauch von einem Akzent mit, der nur irisch sein konnte. „Sicher gehört er Euch, mein Herr.“
Mick brach der Schweiß aus. War es ein Geschenk? Oder ein Test? Eine falsche Antwort konnte wirklich negative Auswirkungen haben. “Mir?”
“In der Tat. Er hat die ganze Zeit über neben Euch gelegen, er muss demnach Euch gehören. Kennt Ihr Eure eigenen Sachen nicht?“
Mick schluckte und versuchte sich verzweifelt an das heikle Wortspiel zu erinnern, das für Gespräche mit mystischen Wesen nötig war. Seinem Geschäftspartner hatte es auf diesem Gebiet traurigerweise gefehlt. Er entschied, dass der Bogen ein Geschenk sein musste.
„Oh ja, jetzt erkenne ich ihn. Er ist so herrlich, und so gut gearbeitet. Nur ein Handwerker mit großem Geschick kann einen solchen Bogen gefertigt haben.“
Der Elf schien zufrieden zu sein, obwohl sich der Ausdruck auf seinem Gesicht nicht veränderte. Mick spürte, dass er die richtige Antwort gegeben hatte.
„Ich bin Mick“, sagte er.
Dieses Mal schien der Elf zu lächeln, obwohl sein Gesichtsausdruck zurückhaltend war, als müsste er sich daran erinnern, nicht zu vertraut mit seltsamen Menschen zu werden.
„Du darfst mich Llewellyn nennen.“
Mick nahm sorgsam die Wortwahl zur Kenntnis. Nicht ‚Ich bin Llewellyn‘, sondern ‚Du darfst mich Llewellyn nennen‘. Schließlich würde kein Wesen der Verborgenen Welt, das etwas auf sich hielt, einfach jedem seinen Namen preisgeben.
„Ich bin äußerst erfreut und dankbar über die Gastfreundlichkeit in Eurem Haus.“
„Wie du es sein solltest. Du weißt, was ich bin, nicht wahr?“
Mick nickte. „Das tue ich.“ Er schluckte und fühlte sich seltsam, als er die nächsten beiden Worte aussprach. “Mein Herr.”
“Ich hätte dich deinem Schicksal überlassen sollen, aber es hat mich sehr fasziniert jemanden in diesem Land zu finden, der die traditionellen Gaben kennt, um eine sichere Reise von uns zu erbitten.”
„Meine Mutter stammte aus Limerick. Sie hat ihr Bestes getan, um mir alles beizubringen.“
„Das war weise von ihr, denn es hat dir dein Leben gerettet. Behandeln alle Menschen einander so?“
Mick schüttelte seinen Kopf. „Nein“, flüsterte er und spürte, wie seine Augen zu brennen begannen, als er an die Tiefe des Verrats dachte, den er erlitten hatte. „Ich zum Beispiel würde so etwas nie tun.“
Der Elf neigte seinen Kopf zur Seite, scheinbar um sein Mitgefühl auszudrücken. „Schlaf“, flüsterte Llewellyn und Mick tat es. Er lehnte sich in die Kissen zurück und schloss seine Augen Augenblicke, nachdem die Worte gesprochen worden waren.
***---***
Als er das nächste Mal seine Augen öffnete, schien die Sonne und er konnte Vögel trällern hören. Die Tür zu dem einfachen Zimmer stand offen und er konnte einen sanften Herbstwind spüren, der durch das kleine Steinhaus wehte.
Er warf einen Blick auf seine Brust hinab und sah eine grausige Wunde, bei dessen Anblick sich ihm der Magen umdrehte. Die äußeren Ränder waren verbrannt und zerrissen, mit kleinen Löchern, wo der Schuss eingedrungen war, und Flecken unverbrannten Schießpulvers, die sich in das Fleisch gebrannt hatten. Die Mitte war schwarz und Blut floss heraus, aber es schien nicht viel mehr als eine Fleischwunde zu sein. Entweder besaß Llewellyn Heilkräfte, die die jedes anderen Arztes übertrafen, oder der Schuss hatte irgendwie sein Ziel verfehlt und hatte eine blutende und aufgeschürfte, aber nicht tödliche, Wunde zurückgelassen.
Irgendwie glaubte Mick nicht, dass der Schuss daneben gegangen war.
Er glitt aus dem Bett und zog seine Kleider an. Sie waren dreckig und blutig und Mick glaubte ebenfalls nicht, dass das ein Versehen war. Nein, er spürte, dass der Elf wusste, dass er zurückgehen musste, um denen gegenüberzutreten, die ihn betrogen hatten, und er würde Beweise brauchen.
Er suchte sich seine paar Sachen zusammen und bemerkte mit einem Lächeln, dass sein blauer Teller in seiner Tasche war. Zuletzt nahm er den prächtigen Langbogen, den Llewellyn ihm geschenkt hatte, und verließ das kleine Steinhaus. Der Hof, der es umgab, bestand aus natürlichem Moos und kleinen Wildblumen und nicht weit weg stand Llewellyn in seiner langen, schwarzen Robe und sah ihn mit ernsten, starren Augen an.
Mick kam sich wie ein Idiot vor, als er den Elfen breit angrinste, unfähig sich zurückzuhalten. Er wusste nicht warum, aber sein bloßer Anblick war wie Balsam für seine physischen und emotionalen Wunden. Llewellyn hob eine Augenbraue und wandte den Blick von ihm ab, während er so tat, als wäre er verärgert über eine solch unangemessene Zurschaustellung. Mick trat an seine Seite und das Paar begann langsam durch den Wald zu wandern.
„Du musst jetzt gehen“, sagte Llewellyn. Es war keine Frage.
„Ich verstehe.“ Mick warf einen Blick auf den großen Elfen. “Werde ich dich wiedersehen? Oder sollte ich sagen, darf ich dich wiedersehen?”
“Und warum sollte ich es wünschen, von einer solch einfachen Kreatur wie dir gesehen zu werden?”
Mick hatte keine Antwort darauf. Er wusste nur, dass ein Teil von ihm großen Trost in der Gegenwart des Elfen fand, aber er glaubte nicht, dass der Elf davon beeindruckt wäre. Er verstummte und ging neben Llewellyn her. Nach ein paar Minuten sprach Llewellyn.
„Du darfst mich wiedersehen, wenn du es wünschst.“
Mick hüpfte vor Freude beinahe auf und ab, aber er hielt sich zurück. „Danke.“
„Aber beantworte mir dies. Warum willst du mich sehen? Du weißt, was ich bin; du weißt, dass ich kein sanftes Kindermärchen bin.”
„Das tue ich“, sagte Mick leise. „Aber du… fasziniert mich. Ich sehne mich danach, dich von deinem Leben sprechen zu hören, und danach, zu deinen Füßen zu sitzen und dich anzusehen, während du erzählst, und mich zu fragen, welche mystischen Dinge deine alten Augen gesehen haben.“
Llewellyn schien zufrieden zu sein und ein wenig geschmeichelt. „Dann musst du mir ein Geschenk bringen.“
Mick spürte, wie er sich selbst bei diesem Satz zügelte. Feenwesen waren dafür bekannt, ein paar ziemlich haarsträubende Dinge zu verlangen und er sah sich im Geiste schon durch ganz Vancouver fahren und den Atem eines Fisches oder etwas Ähnliches suchen.
„Wenn es in meiner Macht liegt, werde ich das.“
Llewellyn lächelte. „Tinte.“
“Tinte?”
“Und Federn. Sie sind mir ausgegangen.”
“Tinte und Federn werde ich dir bringen.” Er lächelte. „Vielleicht einen hübschen Computer mit Photoshop und einem Farbdrucker?“
Llewellyn lächelte. „Tinte. Und Federn. Du misstraust meiner Magie, ich misstraue deiner.” Er lächelte Mick mit weisen, ernsten und ewigen Augen an. „Was wirst du mit deiner treulosen Liebhaberin und deinem Partner machen?“
„Ich weiß es noch nicht“, sagte Mick leise. Er lächelte traurig, als er spürte, wie der Schmerz sich erneut in sein Herz bohrte, wie die Klauen eines Panthers. „Ich habe sie beide so geliebt. Ich hatte diese… idiotische Vorstellung davon Cinnamon zu heiraten und ein paar Kinder mit ihr zu haben. Die perfekte kleine Familie, mit Onkel Thomas, der sonntags zum Mittagessen vorbei kommt. Ich bin so ein Idiot.“
„Das bist du nicht“, sagte Llewellyn leise. „Selbst ich bin Opfer untreuer Liebe geworden. Es ist keine Prüfung, die nur sterbliche Männer erdulden müssen. Wir, die im Grünen Reich leben, fühlen ihren Stich ebenso.“
„Dann nenne ich den, der dir weh getan hat, einen Narr“, sagte Mick leise, „denn nur jemand ohne Verstand und Herz und ohne Sinn für Wunder würde ein Wesen verletzten, das so wundervoll und lieblich ist wie du.“
Llewellyn blieb stehen und sah den Menschen an, als wäre er überrascht darüber, dass er es wagen würde so etwas zu sagen. Mick war selbst ein wenig überrascht und fragte sich, woher die Gefühle, die in seiner angeschlagenen Brust empor quollen, gekommen waren. Dankbarkeit, vermutete er, und ein Wirrwarr anderer Gefühle, für die er keine Worte hatte. Das Paar starrte einander an, dann fand Llewellyn seine elfischen Manieren wieder.
„Dein Tier erwartet dich.“
Mick drehte sich und grinste beim Anblick seines roten SUV, der wie ein treuer Hund auf ihn wartete. Cinnamon musste ihnen in ihrem eigenen Wagen gefolgt sein. Er sah sich nach Llewellyn um und wurde einmal mehr in den Bann seiner schwarzen Augen gezogen. Er staunte immer noch über sich selbst, aber er gewöhnte sich langsam an die Zuneigung, die er für dieses Wesen fühlte. Seine Männlichkeit beruhigte ihn, indem sie ihm sagte, dass er den Elfen nicht wollte; er machte ihn nur neugierig.
„Darf ich dich berühren?“ fragte er leise.
Llewellyns Ausdruck schwankte zwischen Belustigung und Wut. Glücklicherweise gewann die Belustigung.
„Du darfst.“
Mick streckte eine Hand aus und berührte vorsichtig und leicht einen Wangenknochen. Sein Fleisch war kalt, aber nicht auf die Weise, wie es ein totes Tier war. Er war kalt wie Stein, und fließendes Wasser, und Eis, das von einem Ast schmolz. Es war eine schöne, natürliche Kälte, und irgendwie seltsam passend. Als Nächstes berührte er das lange Haar, das ebenfalls kalt und glatt war, wie Strähnen von etwas Schönerem und Feinerem als Seide.
Die zwei sahen einander an. Dann trat Mick zurück, als er sich plötzlich wie ein Kind fühlte, das seine Grenzen übertreten hatte. „Bis wir uns wiedersehen“, sagte er leise.
Llewellyn neigte zustimmend seinen Kopf, dann drehte er sich um und ging in die Tiefen des Waldes zurück; immer noch in seiner schwarzen Robe, ohne auch nur einen Zweig oder ein Blatt aufzuwirbeln. Dann war er verschwunden.
***---***
Mick fuhr stundenlang wie betäubt vor sich hin. Sein Verstand war wie tot und sein Körper bewegte sich von ganz alleine. Er folgte der langen Straße wie eine Art Navigationsgerät, seine Handlungen automatisch. Als er schließlich in seine Auffahrt fuhr, wusste er nicht, wie viele Stunden er gefahren war, aber er war nicht überrascht über die Gegenwart von Polizeiwagen. Zweifellos erzählten Cinnamon und Thomas gerade weinend ihre Geschichte darüber, wie tief besorgt sie um ihren lieben, lieben Freund waren.
Mick stieg langsam aus. Seine Bewegungen waren zittrig und seine Augen getrübt. Er spürte die Schwere seiner Verletzung, als er langsam den Kiesweg hinaufging, die Steine unter seinen Füßen knirschen hörte und die süße Herbstluft roch. Es war beinahe Abend und die Welt wurde dunkel und kalt, als der Himmel langsam zu einem Purpurrot verblasste.
Leise betrat er sein Haus und schloss die Tür hinter sich. Aus dem Wohnzimmer am anderen Ende des Flurs hörte er gedämpfte Stimmen. Er ging darauf zu und stellte fest, dass er vollkommen fasziniert von den drei hohen Fenstern war, die die gegenüberliegende Wand des Raumes bildeten, in den er gerade stolperte. Er ging weiter in den Raum hinein, den Blick immer noch auf die Fenster gerichtet, und dachte an schwarze Augen, die den Anbeginn der Zeit gesehen hatten, und Dinge, die er niemals zu sehen erhoffen konnte.
Der Raum verstummte. Die zwei Polizeibeamten standen stumm und entsetzt über seinen Zustand da. Thomas stieß einen kleinen, ängstlichen Schrei aus und Cinnamon starrte ihn einfach nur an, davon überzeugt, dass ihr ihre Augen einen Streich spielen mussten. Mick riss langsam seinen Blick von den Fenstern los und sah die Polizisten an. Das Kontobuch war in seinen Händen, obwohl er sich nicht daran erinnerte es mit ins Haus genommen zu haben.
„Ich weiß nicht, was sie Ihnen erzählt haben“, sagte er leise, „aber sie haben versucht mich umzubringen. Und sie haben meiner Firma Geld unterschlagen.“ Er hielt das Buch hoch. „Ich habe Beweise.“
Thomas sah Cinnamon an, die Mick mit ihrem eisigen Blick durchbohrte. Mick reichte dem nächststehenden Beamten das Buch, dann sank er in einem Stuhl zusammen. Er hörte nichts mehr davon, wie Thomas und Cinnamon festgenommen wurden und jemand den Notarzt rief.
***---***
Mick war lange krank.
Die Wunden waren voller Dreck und hatten sich entzündet. Nach allem, was er mit seinem Fieber und seiner Krankheit mitbekam, hatte er jedoch Glück am Leben zu sein; die Verletzung, die ihm das Gewehr zugefügt hatte, hätte ihn töten sollen. Manchmal konnte er die Ärzte leise darüber streiten hören, was ihn am Leben gehalten hatte und wie um Himmels Willen ein Mann in seinem Zustand die neun Stunden hatte fahren können, um nach Hause zu kommen.
„Jemand hat sich um ihn gekümmert, soviel steht fest“, sagte eine junge Ärztin. Die anderen sahen sich gezwungen zuzustimmen. Es gab keinen Grund, warum Mick immer noch am Leben sein sollte.
Er dämmerte lange Zeit im Krankenhaus vor sich hin, während sein Körper gegen die Infektion ankämpfte, die ihn ihm wütete. Die Angestellten waren nett zu ihm; zweifellos hatten die Ärzte und Krankenschwestern viel Mitgefühl für diesen Mann, der so entsetzlich betrogen worden war, und jetzt niemanden hatte, der bei ihm saß, während er um sein Leben kämpfte. Zweimal kamen ihn die Polizisten besuchen, die Cinnamon und Thomas verhaftet hatten, und saßen kurz an seiner Seite, um ihm zu erzählen, was aus dem Paar geworden war. Er schien, als wäre Cinnamon mit unzähligen Haftbefehlen gesucht worden, und der versuchte Mord ihres Freundes war nur eine weitere schreckliche Tat. Sie würde das Tageslicht nicht wiedersehen.
Thomas hatte sich umgebracht.
Als Mick kräftiger wurde, verkaufte er seine Firma und den größten Teil seines restlichen Besitzes. Er hätte bequem für den Rest seines Lebens von dem Erlös leben können, aber seine alten Träume schienen jetzt verblasst und uninteressant zu sein. Besonders da sich die meisten um Cinnamon, ihren Nachwuchs und sonntägliche Mittagessen mit Onkel Thomas gedreht hatten. Träume, die ihn verfolgten und sich wieder und wieder in seinem Kopf abspielten, während er in seinem Lieblingsstuhl in seinem schönen Haus saß.
Er besuchte sie einmal und fühlte sich klein und krank, als er das kalte, eindrucksvolle Gefängnis betrat, aber sie wollte ihn nicht sehen. Sie war immer noch sauer über das, was er ihr angetan hatte.
„Was ich ihr angetan habe?“ fragte Mick die Wärterin. Er wusste nicht, ob er lachen oder wütend sein sollte. „Was, etwa dass ich ihren Versuch überlebt habe, mir ein Loch in die Brust zu pusten und alles zu stehlen, was ich hatte?“
Die Wärterin zuckte mit den Schultern und seufzte müde. „Ja. Sie sind ein richtiges Arschloch“, sagte sie und gab ihm einen freundschaftlichen Klaps auf den Rücken.
Er beobachtete, wie sie davon ging, dann sah er auf das breite, teure Band aus kostbarem Metall und glitzernden Steinen hinab, das Cinnamon ihm gekauft hatte. Selbst der Ring schien verblasst und stumpf.
Mick verließ das Gefängnis und nahm sich vor nie wieder zu kommen. Er verfluchte sich selbst dafür, dass er sie hatte sehen wollen. Er war sich nicht einmal mehr sicher, dass er sie jemals geliebt hatte. Es war schwer sich in dem Malstrom seiner Gefühle zurechtzufinden, um zu wissen, was er empfunden hatte. Ganz sicher Lust, Sympathie und Zuneigung; aber er glaubte nicht, dass er sie geliebt hatte.
Er ging nach Hause, öffnete eine Flasche Wein und setzte sich in seinen Lieblingsstuhl, um aus dem Fenster zu starren. Er wollte nicht mehr über Cinnamon nachdenken, aber er behielt seinen kleinen Traum sicher in seinem Herzen, wie ein misshandeltes Kind, das man eng an sich drücken und beschützen muss. Seinen kleinen, verblassten, grauen Traum von einer Familie und einem liebevollen Zuhause. Es wurde zu einem nächtlichen Ritual und es schien, als hätte er aufgehört zu leben und würde nur darauf warten zu sterben.
Dann, eines nachts, als er sich gerade wieder vor das große Fenster in seinen Lieblingsstuhl setzen und die grauen Träume mit einer Flasche guten Weins ertränken wollte, entdeckte er etwas, das auf seinem Ledersofa lag. Etwas Wunderschönes und Anmutiges, mit überirdischen Fähigkeiten gefertigt und mit Hirschen und keltischen Knoten geschmückt.
Der Bogen war vorher nicht dort gewesen, aber jetzt lag er da, warm, schön und sehr real, das einzige Licht in seiner dunklen Welt. Er stellte sein Weinglas zur Seite und nahm den Bogen hoch, um seine Hände über ihn gleiten zu lassen.
„Tinte“, flüsterte er. „Und Federn.“
***---***
Am nächsten Morgen war Mick früh auf den Beinen und fühlte sich besser. Die Bäume schienen wieder golden in ihrer Herbstpracht zu sein und die Luft hatte eine Süße an sich, die er vermisst hatte. Er atmete tief ein, dann lud er sein Gepäck in den Kofferraum seines roten SUV. Als Nächstes legte er einen sorgsam eingewickelten Bogen hinein und stieg schließlich selbst ein, bevor er die Tür schloss und den Motor startete.
Er fuhr nach Granville Island, einer kleinen Halbinsel, auf der es eine Reihe Läden gab, die sich auf Künstlerbedarf spezialisiert hatten. Er fand einen, der verkaufte, was er suchte, und kaufte soviel Tinte, wie er konnte. Gold und Silber, Schwarz und Rot, Grün und Gelb. Tinte in allen Farben und die schönsten Federn, die es zu kaufen gab. Der Verkäufer packte all seine Einkäufe in eine Schachtel und er verließ den Laden.
Er war gerade aus dem Laden getreten, als eine Bewegung seine Aufmerksamkeit auf sich lenkte. Er hielt inne und lächelte schwach, als er die beiden jungen Männer nicht weit entfernt sah. Sie rauften miteinander, so wie es junge Männer halt taten. Sie zerrten aneinander, schubsten sich und nahmen sich gegenseitig in den Schwitzkasten, um sich Kopfnüsse zu geben oder mit anderen Mitteln zu foltern. Das Paar schob sich herum wie zwei Elche und kämpfte um die Oberhand. Sie konnten nicht älter als jeweils dreiundzwanzig sein, mit ihrem langen und wilden Haar, den zerrissenen Jeans und ihren starken und gut trainierten Muskeln. Sie waren beide gebräunt und er vermutete, dass sie einen großen Teil ihrer Zeit im Freien verbrachten.
Sie schienen so glücklich und lebendig zu sein, heller als die dunkle und verdorbene Welt, in der sie lebten. Mick beobachtete sie, dann bemerkte er, dass sich ihr Spiel verlangsamte und sie keuchten. Der Kampf der Hirsche hatte ein Ende gefunden und jetzt umkreisten sie einander, die Körper dicht beieinander. Ihr gebräuntes Fleisch glänzte leicht unter einer feinen Schicht Schweiß. Dann pressten sie sich zu seiner Überraschung aneinander und küssten sich, während sie sich sanft festhielten.
Mick spürte ein seltsames Gefühl in seinen Eingeweiden, eine Mischung aus Angst und anderen, weniger fassbaren Gefühlen. Er dachte an Llewellyn und an sein schwarzes Haar und seine schwarzen Augen, seine kalte Schönheit. Er hatte sich selbst gesagt, dass er ihn nur faszinierte. Wer wäre auch nicht von Llewellyn fasziniert? Er war ein ELF, um Himmels Willen! Nur ein ausgemachter Idiot wäre nicht vollkommen gefesselt von ihm. Aber vielleicht war es nicht nur das, was Llewellyn war, das Mick an ihn denken ließ. Vielleicht gab es auch einen anderen Grund.
Mick bemerkte erst, dass er sich den beiden Männern genähert hatte, als der größere von ihnen seinen Kopf hob und ihn ansah. Auf dem goldenen Namensschild um seinen gebräunten Hals stand ‚Nigel‘ und ein Paar Sneakers an seinen Füßen löste sich an den Fußspitzen auf. Sie „lernten reden“, wie seine Mutter gesagt hätte.
Der etwas kleinere Mann drehte sich um, um zu sehen, was die Aufmerksamkeit seines Freundes auf sich gezogen hatte, und jetzt beobachteten ihn beide mit einem wachsamen Ausdruck. Nigel strich mit seinen breiten Händen über die Schultern seines Geliebten, um ihn zu beruhigen. Mick war sich ziemlich sicher, dass ihn beide zu Brei schlagen konnten, aber er war sich ganz sicher, dass Nigel derjenige sein würde, der als Erster zuschlug.
Nigel starrte Mick mit blaugrauen Augen an. Seine Stimme hatte einen australischen Akzent, als er sprach.
„Können wir Ihnen helfen?“ fragte er in einem Ton, der vermuten ließ, dass er in seinem jungen Leben schon mehr als genug Schwulenhasser gesehen hatte.
Mick kam sich etwas dumm vor, da er sich nicht sicher war, was ihn zu dem Paar getrieben hatte. Er hörte sich sprechen, ohne zu wissen, dass er es tun würde.
„Ich muss Ihnen eine Frage stellen“, sagte er leise, „und es geht mich wahrscheinlich nichts an, aber wenn Sie es mir sagen könnten, wäre ich Ihnen sehr dankbar.“
Sie schienen sich ein wenig zu entspannen. “Was möchten Sie wissen?”
Mick verlagerte sein Gewicht auf den anderen Fuß und kam sich ein wenig merkwürdig vor. Er hatte das Gefühl rot zu werden. „Wann wussten Sie, dass sie Männer mögen?“
Sie schienen ein wenig erstaunt über die Frage zu sein. „Schon immer“, sagte Nigel. „Ich wusste es schon immer.“ Er sah seinen Gefährten an. „Was ist mit dir, Noel?“
„Ich nicht“, sagte der andere Mann. „Ich wusste es erst, als ich diesen großen Kerl vor zwei Jahren getroffen habe.“ Er stieß Nigel sanft mit dem Ellbogen in die Seite. Nigel kniff ihn.
„Also wäre es nicht seltsam, wenn irgendjemand es erst bemerkt, wenn er, oh, sagen wir, dreißig ist?“
„Nein“, sagte Nigel. „Ich glaube nicht. Ich kenne einen Kerl, der es erst herausgefunden hat, als er zweiundvierzig und seit zwanzig Jahren in einer beschissenen Ehe war.“
Mick zuckte leicht zusammen. “Nun ja, das musste ich ja zum Glück nicht durchmachen”, murmelte er.
Er wurde sich plötzlich des Gewichts des Platinrings an seiner linken Hand bewusst, und es machte ihn krank, als wäre es irgendein widerwärtiges Ding, das das Leben aus ihm heraussaugte. Er nahm ihn ab und reichte Noel das Ding.
„Hier“, sagte er. “Verpfände das und besorg deinem Freund ein neues Paar Sneakers. Seine lernen schon zu sprechen.“
„Goldbesetzte Sneakers”, sagte Noel, während er das schrecklich teure Schmuckstück betrachtete. Nigel warf einen Blick auf den Ring.
„Hör‘n Sie, sind Sie sich sicher, dass Sie das einem Paar vollkommen Fremder geben wollen?“
Mick sah das Paar an und lächelte müde und humorlos. „Er sollte ein Versprechen der Liebe sein, und einer gemeinsamen Zukunft. Für mich sieht es so aus, als könntet ihr beide ihn mehr gebrauchen.“ Dann drehte er sich um und ging zu seinem Auto zurück.
***---***
Er fuhr die neun Stunden zu der abgelegenen Stelle und parkte seinen SUV. Er wickelte den Bogen aus und spannte ihn. Er steckte die Tinte und die Federn in seine Tasche und ging dann mit Bogen und Tasche in den dunklen Wald hinein. Er ging lange und weit, aber er wurde nicht müde. Er lief die Nacht hindurch weiter, während seine Füße ihn auf unsichtbare Pfade führten. Als der Morgen anbrach, blieb er stehen, um zu frühstücken und ein wenig zu schlafen. Dann ging er weiter.
Es war kurz vor Sonnenuntergang, als ihn seine Füße einen kleinen Hügel hinauftrugen, der ihn zu einem kleinen Steinhaus führte, das von Moos und kleinen Wildblumen umgeben war. Mick spürte, wie sich seine Stimmung beim Anblick der ersten moosigen Stufe aufhellte und als er die Spitze des Hügels erreichte, war es, als wäre die ganze Welt hell und schön geworden.
Er blieb oben auf dem Hügel stehen und lächelte. Vor der Hütte stand eine große, würdevolle Gestalt, die in eine schwarze Robe gekleidet war. An seinen Knien hielten sich zwei schöne, kleine Kinder fest, ein Mädchen und ein Junge, beide mit langem, rotem Haar und großen, grünen Augen. Mick hielt inne und betrachtete, wie sie sich an den Elfen drängten. Er wusste nicht warum, aber er verstand irgendwie, dass die hübschen Kleinkinder, die nicht älter als zwei oder drei sein konnten, verlassen worden waren. So wie er selbst waren sie im Wald zurückgelassen worden, um zu sterben.
Er stellte seine Tasche ab und ging auf den großen, würdevollen Elfen zu. Er lächelte, als er sein Herz seltsame Dinge in seiner Brust tun spürte, und die Schmetterlinge aufgeregt in seinem Bauch erwachten. Sein Lächeln wurde zu einem dümmlichen Grinsen des Glücks, als er erkannte, dass er jetzt verstand, was er fühlte. Llewellyn rümpfte die Nase über den Sterblichen, und tat so, als wäre er verärgert. Dann wimmerte das kleine Mädchen nervös und die Aufmerksamkeit des Elfen wurde auf das Kind gelenkt. Mick sah auf die Kleinkinder hinab.
„Welch hübsche Kinder“, sagte er leise. Er hob seinen Kopf, um erneut in die schwarzen Augen zu sehen. „Gehören sie Euch?“ fragte er leise.
Llewellyn lächelte sehr schwach, während seine schwarzen Augen schelmisch glitzerten. „Sicher gehören sie Euch, mein Herr.“ Seine Stimme war genauso weich.
Mick lächelte und hob eine Augenbraue. „Mir?“
„In der Tat. Erkennt Ihr Eure eigenen Kinder nicht?“
Er trat zurück und sah die Kinder an. „Oh ja, jetzt erkenne ich sie. Sie sind so lieblich und so klug.“ Er kniete sich vor den kleinen Jungen und das kleine Mädchen. „Hallo.“
Das kleine Mädchen sah ihn mit ängstlichen Augen an und schniefte. Der kleine Junge rieb sich mit dem Handrücken die Nase. Mick lächelte sie an.
„Ich bin euer Papa.“
Sie schienen nicht überzeugt zu sein, sondern sahen ratsuchend zu Llewellyn hoch.
„Begrüßt euren Vater, Kinder“, sagte er leise.
Das taten sie und sie traten zu Mick hinüber. Er hob sie beide lächelnd hoch, dann lachte er, als das kleine Mädchen Interesse an seinem Haar fand.
„Und hast du mir irgendetwas mitgebracht?“ fragte Llewellyn.
Mick lachte. „Wunderschöne Tinte und die schönsten Federn; die Besten, die ich finden konnte.“
„Dann komm herein“, sagte Llewellyn leise, „denn du warst lange fort und der Wald wird dunkel und kalt.“
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Sie aßen zusammen zu Abend; dann wurden die Kinder ins Bett gebracht, während Mick in einem gemütlichen Stuhl auf der Veranda saß. Beides war noch nicht da gewesen, als er angekommen war. Er seufzte zufrieden und lächelte, als Llewellyn aus der Hütte trat, um sich neben Mick zu stellen. Er sagte nichts, aber Mick konnte spüren, was er dachte.
„Ich muss morgen früh wieder gehen, nicht wahr?“
Llewellyn sah mit seinen schwarzen Augen in die Nacht hinaus. „Ja. Denn du bist immer noch an deine Welt gebunden. Und du musst dich entscheiden, was es ist, das du begehrst.“
„Ich will das hier“, sagte Mick leise.
„Du musst dir sicher sein“, sagte Llewellyn. “Denn du kannst diesen Ort nur drei Mal finden, und du bist bereits zweimal hierher gekommen. Wenn du zurückkommst, kannst du nicht wieder gehen.“
„Ich will nicht wieder gehen“, sagte Mick leise.
Llewellyn setzte sich auf einen Stuhl, die eleganten weißen Hände vor sich gefaltet, während er ins Nichts starrte. „Du musst dir sicher sein“, flüsterte er. „Denn obwohl ich dir geben kann, was dein Herz begehrt, ist es für einen Sterblichen nicht leicht in unserer Welt zu leben. Es gibt viele Gefahren und nicht alle Elfen akzeptieren Menschen. Tatsächlich bin ich eine Ausnahme von meiner Art, denn…“ Er hielt inne, als müsste er sich entscheiden, ob er zu viel preisgab. Schließlich fuhr er fort. „Denn ich habe schon zuvor einen Sterblichen geliebt. Aber er hat mich abgewiesen. Und mein älterer Bruder erschlug ihn.“ Llewellyn wandte seinen Kopf, um Mick anzusehen. Sein schwarzes, seidenes Haar fiel offen und weich um sein weißes Gesicht. „Ich habe gesehen, wie du die Gaben aus Butter und Sahne abgelegt hast, und ich habe den Verrat an dir gesehen. Ich war das braune Kaninchen, das du begrüßt hast. Dieses Land, in dem du jetzt bist, ist gehört zum Reich deiner Träume, und wenn wir zusammen sind, bist du wie jemand, der schläft. Wir schlafwandeln zusammen an diesem Ort und am liebsten würde ich dich auf ewig hier behalten. Aber solange du noch an deine Welt gebunden bist, kann ich dich nicht lieben oder dir vertrauen.“
Mick nickte. „Ich verstehe. Dann werde ich morgen früh gehen, wie du es verlangt hast. Und ich verspreche dir, dass ich in der Nacht von Samhain zurückkehre und mich dir überlasse.“ Er lächelte.
Llewellyn lächelte und sah auf seine Hände hinab. Er wurde beinahe rot, falls solch eine kalte Schönheit das tun konnte. „Dann musst du mir ein Geschenk bringen.“
Mick lächelte. Er wusste jetzt, wie das Spiel gespielt wurde.
“Wenn es in meiner Macht liegt, werde ich das.”
Llewellyn lächelte. „Stoff.“
“Stoff?”
“Und Spitze. Sie sind mir ausgegangen.”
“Stoff und Spitze werde ich dir bringen.” Er lächelte. „Vielleicht eine hübsche Nähmaschine und festen Faden?“
Llewellyn sah Mick an und seine schwarzen Augen glitzerten mit einer Zuneigung, die er nicht verbergen konnte. „Stoff. Und Spitze. Du misstraust meiner Magie, ich misstraue deiner.”
***---***
Mick verließ die schöne Steinhütte mit seiner kleinen Steinmauer, den Hühnern und dem Pony, die nicht da gewesen waren, als er schlafen gegangen war. Es war eine Qual für ihn zu gehen, aber er wusste, dass Llewellyn Recht hatte – er musste sich sicher sein, dass er das hier wirklich wollte, und er musste in seinem Herzen wissen, dass er wirklich alles, was er kannte, zurücklassen wollte.
Er fuhr zu seinem Haus zurück, trat ein und schleppte seinen müden Körper zu seinem Lieblingsstuhl hinüber. Er setzte sich und dachte nach. Nach kurzer Zeit schlief er ein. Und träumte.
Er träumte von sich selbst, in seinem schönen, warmen Haus, wie er sein Unternehmen ausbaute und reich wurde. Er sah wie er junge Frauen und Männer traf, sie liebte, sich ihnen entledigte, mit den Nächsten weitermachte. Er sah, wie er alt wurde; aufgedunsen und krank von seinen eigenen Ausschweifungen; selbstsüchtig in seiner Einsamkeit. Er sah, wie er seine alte, gebrochene Gestalt zurück zu einer schönen Steinhütte im Wald schleppte und vor der zerbrochenen Tür weinte, die von ihren verrosteten Angeln hang. Das Moos und die Wildblumen waren alle verschwunden. Die Hütte stand leer und hohl da, wie sein Leben, und jetzt war sie kalt und einsam, wie der Mann, der vor ihr weinte und um den Verlust seiner einzig wahren Liebe trauerte, die er für bloßen Materialismus hergegeben hatte.
Er erwachte mit einem Ruck und griff nach dem Telefon. Er wusste, was er zu tun hatte.
***---***
„Sind Sie sich sicher, das sie das tun wollen?“ fragte Lisa.
„Das bin ich“, sagte Mick.
Die dunkelhaarige Frau seufzte und schüttelte ihren Kopf. „Sie sind ein sehr freundlicher Mensch. Wir können Ihnen unmöglich für das danken, was Sie getan haben.“
Er lächelte. „Ich habe getan, was ich tun musste.“
“Aber sind Sie sich sicher, dass Sie wollen, dass ich Sie im Wald absetzte?”
„Ja.“
„Und was wollen Sie dort tun? Und wie wollen Sie all diesen Stoff dorthin bekommen, wo Sie ihn haben wollen?“
Mick lächelte nur. „Ich werde es schon schaffen.“
Lisa schüttelte nur ihren Kopf und seufzte wieder. „Ich wünsche Ihnen viel Freude.“
Er lachte leise. „Ich mir auch.“
Sie fuhr den roten SUV zu der Stelle, die er ihr nannte, und hielt das Fahrzeug an. Sie half ihm dabei den großen Wagen zu entladen, dann stand sie da und sah den rothaarigen Mann vor sich an. Den Mann, der sein Haus, seinen Wagen und sein Vermögen ihrer Organisation gespendet hatte, die sich um Straßenkinder und Ausreißer kümmerte.
„Danke“, sagte sie erneut.
Sie umarmten sich und er beobachtete, wie sie in den Wagen stieg und davon fuhr. Er drehte sich um und grinste, als er das Pony sah, das geduldig in seinem Zaumzeug dastand, vor einem kleinen Wagen. Er tätschelte das haarige, kleine Tier und belud den Wagen mit der Spitze und dem Stoff.
„Lass uns gehen“, sagte er leise zu ihm, nahm die Zügel und führte es in den Wald.
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Es war am Vorabend von Allerheiligen und die Nacht brach gerade an, als er und der Wagen vor der kleinen Steinhütte auftauchten. Sie leuchtete im Schein von hunderten farbiger Laternen und Lichter . Er konnte bratendes Wild riechen und Gelächter hören. Leute, die er nicht kannte, traten aus den Schatten, um den Ponywagen zu entladen und das kleine Tier von seinem Zaumzeug zu befreien. Dann drehte er sich um, um einen Blick auf die Hütte zu werfen, und sah Llewellyn vor ihr stehen, in wunderschöne Roben in den Farben des Waldes gekleidet - Gold, Rot und Grün - und einen Kranz aus lebendem Efeublättern in seinem Haar. Mick lächelte und spürte, wie ihm warm ums Herz wurde, und die Bilder seines alten Lebens verblassten. Er seufzte in vollkommener Zufriedenheit und Frieden, bereit das Spiel ein letztes Mal zu spielen.
„Welch eine herrliche Hochzeitsfeier“, sagte er. „Ist es Eure?“
Llewellyn lächelte, seine schwarzen Augen weich und warm. „Sicher ist es Eure, mein Herr.“

Mick lächelte und hob eine Augenbraue. „Meine?“
„In der Tat. Erkennt Ihr Eure eigenen Gäste nicht?“
Mick sah sich um und atmete die Atmosphäre des Abends ein. Er sah die beiden Kinder vorbeihüpfen, nicht länger ängstlich und schüchtern, sondern lebendig und glücklich, und in Gewänder gekleidet, die zu dem von Llewellyn passten, mit kleinen Kränzen aus Efeu in ihrem Haar.
„Oh ja, jetzt erkenne ich sie. Solch ein weises und nobles Volk, das sich versammelt hat, um meine Hochzeit mit der lieblichsten und weisesten Schönheit, die jemals in diesem Land gewandelt ist, zu feiern.“
Llewellyn trat näher und Mick streckte eine Hand aus, um eine goldene, perfekte Wange zu berühren. „Und hast du mir irgendetwas mitgebracht?“ fragte Llewellyn.
Mick lachte. “Schönen Stoff und die feinste Spitze, die ich finden konnte.“
„Dann komm herein“, sagte Llewellyn leise, „denn du warst lange fort und der Wald wird dunkel und kalt.“
©2005, Alyx J. Shaw
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